Aus dem Buch: "Psychoterror"

» Frage: Wer spricht eigentlich vom Psychoterror der Zeugen Jehovas?

Antwort: In jedem Fall keine Freunde der Zeugen Jehovas, oftmals Abtrünnige, aber auch kirchliche Institutionen.

» Frage: Wer sind "Abtrünnige"? (siehe Fußnote 1)

Antwort: Nach der Definition der Zeugen Jehovas ist ein "Abtrünniger" ein getaufter Anhänger der Glaubensgemeinschaft, der nach einem intensiven Bibelstudium die Bibel als Wort Gottes, als die Wahrheit erkannte, sich daraufhin allein und ganz persönlich gegenüber Gott als dessen Zeuge bekannte und sich anschließend öffentlich taufen ließ. Irgendwann ist es aus persönlichen Gründen, die im Gegensatz zu biblischen Grundsätzen stehen (Rauchen, Ehebruch u.ä.), dazu gekommen, daß der Betreffende seine Hingabe an Gott vergaß und bewußt und reuelos Gebote Gottes mißachtete.

Die Schuld hierfür wird häufig dann der ehemaligen Glaubensgemeinschaft - oftmals sogar öffentlich - angelastet, ohne die wahren Gründe, die zur Exkommunikation führten, zu bekennen. Biblische Verbote werden dann als Verbote der Glaubensgemeinschaft dargestellt.

» Frage: Was sind nach Meinung der Zeugen Jehovas die Gründe für Abtrünnigkeit und den Vorwurf, daß die Ältesten aber auch Glieder der Versammlung "Psychoterror" auf Brüder ausüben würden, die Zweifel an der Seriosität der Wachtturm-Gesellschaft haben?

Antwort: Die Hauptgründe, die wir erkannt haben, sind einmal "verletzter Stolz" und/oder ein "schlechtes Gewissen".

Die Moral- und Sittlichkeitsansprüche der Bibel bewegen sich auf einem hohen Standard und allein das Bemühen um ihre Einhaltung erfordert starken Glauben und eine vollständige Hingabe an den Willen Gottes. Schon Adam und Eva haben sich den Einflüsterungen von der Seite Satans hingegeben, und so ging der Menschheit das Paradies verloren.

Gott hat aber durch die Bibel die Wiederherstellung des Paradieszustandes prophezeien lassen und große Hoffnung denen verkündet, die an ihn und das Loskaufsopfer seines Sohnes Jesus Christus glauben und demgemäß ein christliches Leben führen. Zweifel und erkannte Unzulänglichkeiten können schwere Belastungen darstellen. Nichtraucher zu sein und zu bleiben kann eine Belastung sein oder werden, außerehelichen oder vorehelichen Geschlechtsverkehr zu vermeiden kann als eine unsinnige Forderung abgelehnt werden, sich politischer Neutralität zu verschreiben trifft auf wenig Verständnis in der Gesellschaft, Steuerehrlichkeit gilt oftmals als Narretei.

Wenn nun in einer solchen Belastungssituation eine Ermunterung durch Älteste in Übereinstimmung mit der Bibel erfolgt, aber der innere Drang bei dem "Zweifelnden" zur Fortsetzung der Verfehlungen größer ist - ich will rauchen, ich will nicht nur mit meiner Ehefrau schlafen, ich will mich der Promiskuität erfreuen, ich will dem Cäsar nicht geben was des Cäsars ist, ich will Gott nicht geben, was Gottes ist -, so weist einerseits die Bibel die Folgen einer solchen Uneinsichtigkeit auf, und dementsprechend droht dem Reuelosen der Gemeinschaftsentzug der Glaubensgemeinschaft (Exkommunikation).

Durch Zweifel allein entsteht keine Abtrünnigkeit, noch nicht einmal durch eine sündhafte Handlung, sondern nur durch bewußtes Verharren in Sünde, vor dem die Bibel warnt, und in bewußtem Nicht-umkehren-wollen. Keiner Person wird wegen einer Sünde die Gemeinschaft entzogen, sondern nur dann, wenn diese Person sich durch fortdauerndes, reueloses Ausüben einer Sünde als unbelehrbar erweist.

Das Verhalten der Zeugen Jehovas wird gestützt durch die Bibel gemäß 2.Johannes 6-11; Römer 16,17; 1.Korinther 5,11-13 und Titus 3,9-11; siehe aber auch Hebräer 10,26.27. Gottgemäße biblische Reue bedeutet Umkehr (Apostelgeschichte 3,19).

Würden Sie von Psychoterror sprechen, wenn ein Ehepartner dem anderen seine Zustimmung zu einem "Dreiecksverhältnis" verweigert, wenn das Finanzamt seine Steuerfahndung mobilisiert, wenn der Körper auf das Rauchen mit Krankheit reagiert? Aber empfinden Sie den Hinweis der katholischen Kirche auf die ewigen Qualen im Höllenfeuer als Folge von Sünden nicht als Psychoterror?

Wir müssen sicherlich zumindest zwischen zwei Deutungen des Begriffes "Psychoterror" unterscheiden: Zwischen der tatsächlichen "Einschüchterung der Seele, also dem "lebenden Wesen", sprich Mensch, von seiten Anderer", das wäre zum Beispiel die Drohung mit "ewigen Höllenqualen für den sündigen Menschen", wie sie schon Luther als so schrecklich empfand, und dem "selbsterzeugten Psychoterror".

Psycho ?, psych ?, Psych ? [zu griech. psyché "Seele", Bestimmungswort von Zusammensetzungen mit der Bedeutung "Seele, Gemüt".

Terror [lat.], 1. Einschüchterung, Unterdrückung; 2. Schreckens-, Gewaltherrschaft; Form des polit. Machtkampfs und -mißbrauchs.
(© Meyers Lexikonverlag)

Beim selbsterzeugten Psychoterror wirft der scheinbar Leidende einer anderen Person oder Institution vor, Psychoterror auszuüben. In Wirklichkeit will der Leidende nur das eigene "schlechte Gewissen", den Balken im eigenen Auge dadurch verdecken, daß er auf den Splitter im Auge des anderen hinweist, und dort einen Balken vorzutäuschen versucht. Der Schuldzuweisung an den oder "die anderen" begegnen wir tagtäglich in der Familie, im Beruf, im allgemeinen Umfeld, bis hin in die Politik und im Umgang der Nationen untereinander, und das oftmals als Folge von Eifersucht oder verletztem Stolz. Dieses Verhalten wird im allgemeinen als ganz normal empfunden und mit dem Satz gekrönt: "Wer sich verteidigt, klagt sich an".

"Ein anderer wurde (nach meiner Meinung) bei einer Amtsvergabe bevorzugt, obgleich ich (nach meiner Meinung) doch wesentlich geeigneter bin und bislang viel mehr geleistet habe". Habe ich diese Ansicht selbstkritisch geprüft? Habe ich durch eine Aussprache versucht, den Standpunkt des "anderen" zu verstehen?

Nun zu den Zeugen Jehovas: Die auf der Bibel beruhenden Glaubensansichten der Zeugen Jehovas können nach ihrer Meinung als Belastung oder als Freude empfunden werden.

Als Belastung: Wenn für mich die Verlockungen dieser Welt - der Zeuge Jehovas bezeichnet dies als das "böse, zu Ende gehende System der Dinge" -, von überragendem Wert sind oder werden. Wenn ich selbst bestimmen will, was "gut" und was "böse" ist. Wenn mein Herz mich zu anderen Dingen zieht, wenn ich glaube, anderen Menschen gefallen zu müssen oder auf sie Eindruck machen will. Wenn Hobby, Titel, Karriere, Geld, Sex oder Bequemlichkeit meine Götter werden. Natürlich fühle ich mich dann durch die anspruchsvollen biblischen Moral- und Sittlichkeitsforderungen und durch deren Aufforderungen, "Täter des Wortes" zu werden, beeinträchtigt. Die Ermunterungen anderer, gar der Ältesten, werden mir äußerst lästig. Ich empfinde nunmehr Angst vor Harmagedon, und den Grund dafür suche ich nicht bei mir selbst, sondern im "Psychoterror" der WTG oder der Ältesten.

Als Freude: Wenn mir Gottes Gebote und Willen über alle menschliche Versuchung gehen und ich mit einem "guten Gewissen" dem Königreich Gottes entgegenblicke und Gottes Machtergreifung erhoffe und erflehe, so wie wir beten "? dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden." Nach dem "Rechtfertigung-Verständnis" der Lutherischen Kirche ist dieses "gute Gewissen" eine Gnadengabe Gottes, das wir uns nicht durch "gute Werke" verdienen können; so wie wir bei einem Sparbuch, durch unsere Einzahlungen (gute Werke), das Guthaben anwachsen lassen und es darüber hinaus zusätzlich noch verzinst bekommen (vergleiche aber 2.Samuel 12,13).

Auch nach meiner Meinung ist es schon notwendig, etwas zu tun, nämlich die persönliche Hinwendung zu Gott (Hebräer 11,6) im Glauben und Gebet. Hierzu gehört auch der Glaube an das "Loskaufsopfer Jesu Christi". Gott wartet auf unsere Umkehr. In Römer 2,13 (NWÜ) heißt es: "Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind die vor Gott Gerechten, sondern die Täter des Gesetzes werden gerecht gesprochen werden."

Nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas muß dieses "gute Gewissen", die fortdauernde Hinwendung zu Gott und Jesus Christus, im Denken und Handeln bewahrt werden (Hebräer 10,36-39). "Einmal gutes Gewissen, immer gutes Gewissen" ist Selbstbetrug. Wer diesem Trugschluß unterliegt, dem kann es mit seinem vermeintlich "guten Gewissen" so gehen, wie dem Inhalt einer Tiefkühltruhe, der der elektrische Strom abgeschaltet wurde.

Das Hamburger Abendblatt behauptete am 28. Juli 1996: "Nicht nur von Verboten, auch von Ängsten ist das Leben der Sektenanhänger geprägt, zum Beispiel von Ängsten vor Dämonen. So verwundert es nicht, daß in der Sekte nach Studien überdurchschnittlich viele Menschen psychisch erkranken." Leider werden die "Studien" und ihre Verfasser nicht erwähnt, so daß Zweifel erlaubt sind.

Offensichtlich ist, daß bei unserer gesellschaftlichen Fehlentwicklung hin zum autarken Menschen die Selbstbestimmung im Vordergrund steht. Alle Forderungen nach konsequenter Einhaltung von vorgezeichneten Regeln, gleichgültig durch welche Institution sie erhoben werden, und seien es die Regeln der Treue in der Ehe, werden abgelehnt. Forderungen dieser Art führen bei Menschen, die keine Regeln gelten lassen können zu psychischem Streß, psychischer Erkrankung, ja zum Suizid, wenn diese Menschen aus welchen Gründen auch immer gegen ihre innere Überzeugung handeln. Nachfragen bei den Familen-, Ehe-, Kinder- und Lebensberatungsstellen jeglicher Couleur bestätigen diese Feststellung. Die Zeugen Jehovas hingegen handeln aus Freude gemäß ihrer inneren Überzeugung. Freude ist der beste Schutz gegen Streß.

Rückmeldungen aus dem Kreis der Zeugen Jehovas

Die Zeitschrift "Erwachet" vom 8. Oktober 1996 berichtet von einer Umfrage unter den Zeugen Jehovas in der Bundesrepublik Deutschland, an der sich 145.958 Zeugen beteiligten. Übereinstimmung bestand offensichtlich, daß die Motivation zur Überwindung eigener Schwächen das Bibelstudium war. Beispielsweise ergab sich:

30.060 Interessenten überwanden ihre Tabak- oder Drogenabhängigkeit.

1.437 gaben das Glücksspiel auf.

4.362 änderten ein gewalttätiges oder kriminelles Verhalten.

11.149 legten Charakterzüge wie Eifersucht oder Haß ab.

12.820 stellten den häuslichen Frieden in ihren Familien wieder her.

Die Zeugen geben an, daß diese Ergebnisse zwar nur Deutschland betreffen, aber trotzdem typisch für die Zeugen in der ganzen Welt seien.

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Fußnote 1:

Auszug aus dem Buch Einsichten über die heilige Schrift, Bd.1, S.22: "Abfall, Abtrünnigkeit. Das griechische Wort (apostsía) stammt von dem Verb aphístêmi, das wörtlich "[von etwas] abstehen" bedeutet. Das Substantiv bedeutet auch "Abtrünnigkeit", "Abtreten" oder "Aufstand (Rebellion)" (Apg. 21:21, Fn.). Im klassischen Griechisch bezeichnete es politischen Abfall, und in diesem Sinne wurde das Verb offenbar in Apostelgeschichte 5:37 gebraucht, wo von Judas, dem Galiläer, gesagt wird, er habe Nachfolger "hinter sich hergezogen" (apéstêse eine Form von aphístêmi). In der Septuaginta wird dieser Ausdruck in 1.Mose 14:4 auf eine solche Rebellion angewandt. In den Christlichen Griechischen Schriften bezeichnet er jedoch hauptsächlich den religiösen Abfall, das Sich-distanzieren von der eigentlichen Sache Gottes, von der Anbetung, und das Abtreten als Diener Gottes, also eine Abkehr von dem, wozu man sich vorher bekannt hat, und die vollständige Aufgabe von Grundsätzen oder Glaubensansichten."