Aus dem Buch: "Das Zweigbüro"

"Bethel" bedeutet Haus Gottes. Es ist bei den Zeugen Jehovas die Bezeichnung für ein Zweigbüro der WTG, das der Erfüllung umfangreicher Aufgaben, insbesondere der Herstellung und Verbreitung der "geistigen Speise" der Zeugen Jehovas dient. In Deutschland liegt ein solches Zentrum in Selters/Taunus und stellt im Jahr 1997 für 58 Länder u.a. in dem für die Zeugen Jehovas nunmehr offenen Osten, Literatur her. In dem Zuständigkeitsbereich des Zweigbüros leben zur Zeit 900.000 Verkündiger.

Das Bethel und seine ständigen Mitarbeiter, die Bethelfamilie, dürfte wohl auch als der "geistliche Orden" der Zeugen Jehovas bezeichnet werden. Für viele junge Zeugen Jehovas ist es ein erstrebenswertes Ziel, eine Einladung zu erhalten und im Bethel wirksam werden zu können. Aber nur solche Zeugen Jehovas die, nachdem sie sich über die Regeln im Bethel eingehend informiert haben, und die Striktheit des hier herrschenden Ablaufes nicht scheuen, bewerben sich um eine solche Einladung.

Jeder Bethelmitarbeiter ist aus eigenem Antrieb und freiwillig einer ergangenen Einladung gefolgt, und einige der Zeugen Jehovas, denen ich dort begegnete, waren bereits fast ein Leben lang im Bethel tätig. Ein Zeuge Jehovas, der im Vollzeitdienst alt geworden ist, wird wie in einem gut gepflegten und modernen Altersheim in jeder Hinsicht versorgt. Im Dezember 1995 waren 1098 Bethelmitarbeiter bei freier Kost und Logis nebst Taschengeld tätig. Weitere 80 Zeugen halfen zeitweilig beim Ausbau einer Druckereihalle. 1996 war das jüngste Mitglied der Bethelfamilie 19 Jahre und das älteste 101 Jahre alt.

» Frage: Die Bethelmitarbeiter arbeiten also freiwillig und nur gegen Unterkunft und Verpflegung, nebst einem kleinen Taschengeld. Wie ist dann aber die Altersversorgung gesichert?

Antwort: Seit einigen Jahren versichert die Wachtturm-Gesellschaft ausscheidende Mitarbeiter im Rahmen der gesetzlichen Nachversicherung in der Rentenversicherung für die gesamte Zeit ihrer Tätigkeit als Sondervollzeitdiener nach, so daß für die Mitarbeiter im Rentenfall kein Ausfall entsteht. Diese Regelung ist mit dem zuständigen Rentenversicherungsträger so abgestimmt und gilt im übrigen für alle ordensähnlichen Gemeinschaften. Uns ist kein Fall bekannt, in dem Mitarbeiter, die im Sondervollzeitdienst gestanden haben, im Alter oder bei Krankheit in Not geraten wären. Mitunter versuchen gegnerisch eingestellte Personen, diese Handhabung der Zeugen Jehovas in Frage zu stellen, was aber jeder Grundlage entbehrt. Sollte also ein Ehepaar oder ein einzelner Mitarbeiter aus dem Sondervollzeitdienst ausscheiden, um z. B. alte Eltern zu pflegen, wären die Ausscheidenden in jedem Fall rentenversichert.

Gemäß dem Faltblatt "Willkommen im Zweigbüro ?" erhält jeder Bethelmitarbeiter umfassend freie Versorgung. Drei Mahlzeiten pro Tag werden den Mitarbeitern angeboten. Auch das fertig gebügelte Oberhemd, die Bluse, das reparierte Paar Schuhe oder das gewaschene Bettzeug oder Handtuch ist wie die gesamte Versorgung kostenfrei. Ca. 7.500kg Wäsche werden wöchentlich gewaschen, gebügelt und schrankfertig zurückgegeben.

Zur Unterstützung der Versorgung der Bethelfamilie werden auf zwei Bauernhöfen, dem Wachtturm-Hof und dem Hof Wiesengrund, Gemüse und Getreide angebaut. Geflügel, Schweine und Rinder werden gehalten und manches weitere selbst produziert. Eine betheleigene Bäckerei und Metzgerei verarbeitet die entsprechenden Lebensmittel küchengerecht.

Die Apartments sind zwar klein, aber schön und auch für Ehepaare ausreichend. Die Wohnungen, die meine Frau und ich besichtigten, waren sehr gepflegt eingerichtet. Für Kurzzeitmitarbeiter stehen, nach Geschlechtern getrennt, Mehrbettzimmer zur Verfügung. Wer möchte, kann auf eigene Kosten außerhalb des Bethels wohnen. Von dieser Möglichkeit wird aber anscheinend nur in seltenen Ausnahmefällen Gebrauch gemacht.

Im Gegensatz zu der Meinung eines Teils der Bevölkerung von Selters hat jeder Bethelmitarbeiter einen Schlüssel für die Türen in den Außentoren, so daß er jederzeit, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen, das Bethel verlassen oder betreten kann.

Das Mittagessen wird von den ca. 1.200 (Ende 1995 waren es genau 1160) Mitarbeitern des Bethels gemeinsam eingenommen und war, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, sehr wohlschmeckend und reichlich. Festlichkeiten werden ebenso geschätzt wie ein gutes Glas Wein (Jesaja 55,1; 1.Timotheus 5,23; Jesaja 55,1 "Heda, all ihr Durstigen! Kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und eßt! Ja kommt her, kauft Wein und Milch sogar ohne Geld und ohne Kaufpreis."; 1.Timotheus 5,23 "Trink nicht länger Wasser, sondern gebrauche ein wenig Wein um deines Magens und deiner häufigen Erkrankungen willen" [jeweils NWÜ].)

Unser Nachbartisch war festlich gedeckt und neben den Kerzen stand, gut gekühlt, eine Flasche Sekt bereit. Eine portugiesische Gruppe, deren Einsatz beendet war, bedankte sich bei neu gewonnenen Freunden für die gemeinsame Zeit im Bethel.

Alle Räume, aber auch die Wege und Plätze der Außenanlage, waren sehr gepflegt und sauber, gleichgültig ob es sich um Schlafstuben, Büros, Werkräume, Materiallager, Toiletten oder Verbindungswege zwischen den einzelnen Gebäuden handelte, - einfach vorbildlich. Kommt ein neues Mitglied in die Familie, durchläuft es zuerst eine 12 wöchige Bethel-Einführungsschule, und jedes Familienmitglied hat den hierbei erteilten Rat befolgt, im ersten Jahr zumindest einmal die Bibel vollständig durchzulesen.

Nicht alle Arbeitsräume sind dem Normalbesucher zugänglich. In diesen Räumen wird nämlich produziert und zwar äußerst professionell, ob nun an Gebäudeplanungen en détail für Königreichssäle oder Kongresszentren - natürlich per Computer neuester Generation - oder an riesigen Rotationspressen zur Herstellung der Wachtturmliteratur in Millionenstückzahl. Stündlich werden bis zu 132.000 Bibellagen von 32 Seiten oder Broschüren gedruckt. Die vierte Großanlage druckt bis zu 80.000 Zeitschriften pro Stunde. In der Buchbinderei werden täglich auf zwei Zusammentragmaschinen mehr als 160.000 Taschenbücher zusammengetragen und täglich bis zu 12.000 Taschenbücher oder bis zu 3.000 Bibeln auf 15 Fadenheftmaschinen geheftet.

Für 32 Länder werden in Selters pro Woche 2.000.000 Zeitschriften auf Format geschnitten, in Schrumpffolien verpackt und versandt. Zwei Dreischneider schneiden täglich ca. 800.000 Zeitschriften mit einem Gewicht von 28 Tonnen. Pro Woche werden insgesamt ca. 40 Tonnen Literatur fertiggestellt. Sechs 7,5 Tonner (LKW) können gleichzeitig mit Versandgut beladen werden.

Die Vollversorgung der Bethelmitarbeiter umfaßt auch Krankenversorgung und für den persönlichen Bedarf ein zusätzliches Taschengeld. Bei Freizeitfahrten oder im Urlaub nimmt jedes Bethel, auch im Ausland, nach Voranmeldung, jeden im Vollzeitdienst stehenden Bethelmitarbeiter kostenlos auf.

Bei unserem Rundgang, der uns durch alle Produktionsräume führte, gab es dann plötzlich ein lautes Hallo. Meine Begleiter entdeckten ihren Kreisaufseher, der einen Teil seiner Freizeit im Bethel als Mitarbeiter verbrachte. Er faltete mit seiner Frau gemeinsam Verpackungsmittel. Faltete und faltete, immer wieder die gleichen Pappen zu Kartons, und das 8 Stunden am Tag, ohne Entgelt. Jeder Mithelfende, der kurzfristig seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt, wird dort eingesetzt, wo gerade Hilfe gebraucht wird, und das ganz unabhängig von seiner Dienststellung in der Organisation. Niemand stellt eine eigene Vorbedingung.

So stand also da der Kreisaufseher, vergleichbar einem Probst, Superintendenten, Dekan oder Kreisoberpfarrer einer evangelischen Landeskirche, eingesetzt zum Karton falten, und er tat es offensichtlich gern. Ich wage es nicht, die Gedanken, die mir bei dieser Erfahrung durch den Kopf gingen, hier zu Papier zu bringen, insbesondere als ich erfuhr, daß auch Zeugen Jehovas, würde man sie mit den Titularien unserer Kirche belegen im Rang eines Bischofs oder mehr, sich in gleicher Weise immer wieder freiwillig zur Verfügung stellen. Rang ist Verpflichtung bei den Zeugen, das Vorrecht zu dienen, nicht zu verdienen.

Neben der Arbeitszeit läuft der normale Dienst eines Zeugen Jehovas weiter, Wachtturm-Studium, d. h. gemeinsames Bibelstudium in der Versammlung, Bibelstudium mit Interessierten und immer wieder der Besuch von "Haus zu Haus". Jeder Tag beginnt um 7 Uhr mit Gebet und der Besprechung eines Bibeltextes, jede Mahlzeit wird mit einem Gebet eingeleitet und auch beendet und das reibungslos bei bis zu 1200 hungrigen Gliedern der Bethelfamilie.

Das Bethel ist werktags der Öffentlichkeit während der Arbeitszeit zugänglich und die "Nassauer Neue Presse" berichtete am 18. Juni 1994 ausführlich vom "Tag der offenen Tür auf dem Steinfels".

» Frage: Ist ein Glied der Bethelfamilie ausschließlich im Bethel tätig?

Antwort: Ja, ausschließlich. Jedes Glied der Bethelfamilie hat ein Gelübde abgelegt, keine Nebenerwerbtätigkeit auszuüben.